Tagebuch der Radtour in den Harz und in die "DDR" 25.3. bis 1.4.1990

von Jan:

Tourenverlauf.Schon vor langer Zeit hatte ich geplant, nach dem l. Staatexamen am 21/22.3.90 eine kleine Radtour zu starten, um das gefürchtete postexaminale Vakuum zu überbrücken. Da das neue Semester auch schon vor der Tür stand, blieb leider nur eine Woche. Ich erinnere mich genau, daß an einem der vielen Umzugstage Torsten  mit mir zusammen im VW-Bus Möbel fuhr und ich ihn beiläufig fragte, ob er nicht Lust hätte, mich zu begleiten. Er hatte sich in der Tat auch schon Gedanken gemacht, mit mir zu kommen. Ingo stand bei allen Planungen außen vor, da er sich in der in Frage kommenden Zeit in der heißen Vorbereitungsphase einer Diplomprüfung befinden würde.

Als Dritter im Bunde fand sich diesesmal Jan Stapelfeld mit ein. Er hatte zwar in den letzten Jahren weder ein Fahrrad besessen, geschweige denn einen Kilometer darauf zurückgelegt, aber er plante ohnehin sich ein neues Rad zu kaufen und war von der Idee mitzukommen gleich Feuer und Flamme. Ich war es jedoch weniger, denn zum einem kannte ich ihn eigentlich nicht gut genug, um einschätzen zu können, wie er sich halten würde, zumal relativ fahrradtourunerfahren, andererseits ist die berühmte Dreierkonstellation auf Reisen, die einen auch manchmal an den Rand der Leistungsreserven bringen, bisweilen ungünstig.

Ich wirkte also verschärft auf ihn ein, zumindest einige Erfahrungskilometer bis zum Start der Tour zu fahren, denn sollten auf der Fahrt Leistungsdiskrepanzen auftreten, so wäre dies sicher für ihn und für uns unschön geworden. Also "trainierte" Jan einige kleine Strecken und einmal die Etappe Willinghusen - Lüneburg und retour (120 km) und meldete sich daraufhin als bereit. Torsten und ich wollten es jedoch bereits am ersten Tag schaffen, von Hamburg bis Goslar zu gelangen, angespornt auch durch den kürzlich aufgestellten Rekord meines Kommilitonen Alexander, der an einem Tag 283 km geradelt war. Jan hatte dabei einige Bedenken, traute sich diese große Distanz nicht gleich zu, und startete daher bereits einen Tag vor uns nach Lüneburg, von dort aus am Sonntag nach Celle.

Letzte Vorbereitungen um 23.52 Uhr... Ich hatte mich mit Torsten am Sonntag abend um 22.00 Uhr am Geomatikum verabredet. Er rief mich jedoch gegen 21.00 Uhr an und meldete, daß er noch nicht ganz fertig sei (ein Referat für die Uni mußte noch fertig gestellt  werden...). Ich fand mich also gegen 22.00 Uhr bei ihm und Ingo ein, und half ihm ein wenig bei seiner Packerei und Vorbereitung. Zu meinem Entsetzen hatte er jedoch noch nicht einmal seine Taschen gepackt, und - schlimmer noch - fehlten an seinem Nishiki Rad die Beleuchtung, die Spritzschützer an Vorder- und Hinterrad. Zur Krönung wurde der nicht funktionierende vordere Kettenblattwechsler, der lediglich die kleinen beiden Blätter schalten konnte, immerhin besser, als die beiden großen...

Mein Blutdruckanstieg korrelierte eng mit der fortschreitenden Zeit, trotzdem bemühte ich mich ruhig zu bleiben, denn ich wollte mich nicht gleich am Anfang der Tour ärgern, zumal ich den Eindruck hatte, daß Torsten die ganze Aktion auch ziemlich peinlich war. Endlich, kurz nach Mitternacht war er soweit!  

Montag, 26.3.1990

Mit der neuen Kamera meiner Schwester, die sie mir für die Fahrt geliehen hatte, macht Ingo um 0.15 Uhr das Abschiedsphoto. Wir machen uns auf Richtung Hanstedt. Dort haben Sandmanns ein kleines Wochenenddomizil, das uns schon im Jahre 1989 bei der Münsterradtour als Dach über dem Kopf gedient hatte. Zum Glück regnet es auf der ganzen Strecke dorthin nicht, denn es hatte den ganzen gestrigen Tag geregnet, ich befürchtete schon Schlimmstes... Wir haben uns überlegt einfach durchzufahren, bis Celle, denn wir hielten drei Stunden Schlaf für relativ sinnlos. Am Ortsausgang Hamburg/Fleestedt machen wir nach 22 km die erste kleine Pause und legen eine Gedenkminute ein. Hier haben alle Touren, die wir gemacht haben (Münster 89, Frankreich 88, Alpen 89) begonnen oder geendet, ein. legendärer Ort also. Den ich jedoch fast nicht lebend verlasse. Während wir dort stehen und ein Ballisto knabbern donnert ein riesiger LKW auf mich zu. Ich denke er sieht mich, fahre vorsichtshalber ein bißchen an, um meine Lampe zu erhellen. Er kommt jedoch mit recht hoher Geschwindigkeit immer näher und schließlich stoße ich mich mit dem Füßen ab, um ihm zu entkommen und - zisch - überfährt er die Stelle, wo ich vor wenigen Sekunden noch gestanden habe.

Ich bin wie gelähmt, der Laster hält, setzt zurück, touchiert einen Baum und biegt auf ein Firmengelände. Der echte Schreck setzt erst jetzt ein. Ich zittere fast! Wir sehen zu, daß wir weiterkommen.  Die Strecke zieht sich doch ganz schön hin. Torsten bleibt immer wieder einige Meter zurück und macht keinen besonders frischen Eindruck. Er schlägt dann auch vor, in Hanstedt doch ein paar Stündchen zu schlafen. Ich bin eigentlich auch ganz froh und so treffen wir nach knapp 50km dort ein.  Gegen 3.00 Uhr legen wir uns hin, wollen um 6.00 Uhr aufstehen und um 7.00 Uhr weiter.

Wir haben tief geschlafen und sind erstaunlich frisch trotz der kurzen Zeit.  Nach einer Dusche und dem Vertilgen eines Joghurts springen wir wieder auf die Räder. Das Vorankommen ist jedoch recht zäh. Wir haben Gegenwind - entgegen der Vorhersage - und außerdem ist an unseren Schutzblechen immer irgendein Schleifgeräusch, das wir erst nach Stunden vollständig beseitigen können.

Die Distanz nach Celle ist bereits so lang, daß mir echte Zweifel kommen, ob wir das bis Goslar heute je schaffen können. Torsten ist einfach besser drauf, als ich, er bricht den Wind mit unglaublicher Energie, fast als wolle er mich demütigen. Den Endspurt bis nach Celle hinein gewinne ich jedoch trotzdem knapp!

Die Jugendherberge finden wir recht schnell und ich entdecke bald Jan in seinem Zimmer - schlafend. Ein lautes „Yassou“ reißt ihn aus den Träumen. Wir essen noch ein wenig, Jan holt seine Taschen, wir wollen keine Zeit verlieren, über 100km sollen noch geschafft werden, jetzt ist es schon 13.00 Uhr.  Der Wind hat mittlerweile gedreht und peitscht uns jetzt fast in den Rücken.

Regen fehlte uns gerade noch zum Glück!Wir verlassen Celle nach Süden mit über 30km/h auf dem Tacho. Ein Vergleich zeigt, daß meiner 30, Torstens 32 und Jans gar 33km/h bei gleicher Geschwindigkeit anzeigt. Einige Kilometer werden im berühmten Windschattenfahren zurückgelegt. Eine Methode des Kraftsparens, die Jan erst noch lernen mußte. Er kann auch kaum an der Spitze fahren, denn auf seinem Mountainbike sitzt er so hoch im Wind, dass er immer ein paar Kilometer langsamer ist, als wir. Ohnehin ist ihm das Tempo, das wir - nun endlich warmgelaufen nach 120 km - vorlegen ein wenig zu schnell. Nach einigen Kilometern erwischt uns ein prasselnder Hagelschauer und wir flüchten in die Deckung eines Hauses. Ständiges Wechseln des Capes und der Regenhosen ist nötig, denn wer fährt schon gerne freiwillig in den luftdichten Sachen weiter, wenn es nicht mehr regnet!? Man schwitzt ohnehin fürchterlich in diesen Sachen. Ich habe mir ja neulich ein teures Regencape aus einem atmungsaktiven Stoff geleistet, das sich jetzt bezahlt macht. Irgendwann wird es wegen des Rückenwindes sogar so warm, daß wir in unseren halblangen Radfahrhosen weiterfahren können. Aber der Regen kommt nun in immer kürzeren Abständen wieder und das Klamottenwechseln wird fast nervig. Ein Blick auf die Karte verrät, daß die Jugendherberge in Wolfenbüttel die einzig vernünftige Alternative zu Goslar darstellen wurde. Wir bekommen langsam Zweifel daran, ob wir es bis in den Harz schaffen werden. Die  Entscheidung soll an einer Kreuzung fallen, von der aus wir beide Möglichkeiten noch offen haben. Die Fahrerei ist ziemlich übel, denn es gibt wieder, wie so oft, kaum vernünftige Alternativen ohne Umwege, wenn man nicht auf Kraftfahrzeugstraßen fahren darf. Irgendwann entscheidet der Ältestenrat dann aber doch den Weg nach Goslar zu riskieren, trotz der bevorstehenden Stunden des Fahrens mit Dynamo. Kurz nachdem wir diesen Entschluß einstimmig gefaßt haben, hat Torsten ein Platten am Hinterrad. Im prasselnden Hagel wechseln wir den Schlauch. Zum Glück habe ich bei der Herbergsmutter in Goslar bereits reserviert, so daß wir uns in der Hinsicht keine Gedanken machen müssen.

Die letzten Kilometer werden zur Quälerei. Nicht nur, daß die Kräfte schwinden, die Straßenführung läßt uns in stockfinsterer Nacht über Schnellstraßen, Baustellen, Steigungen, Umwege in immer neue Rätsel gelangen. Schließlich frage ich einen Mann, der in seinem Garten noch arbeitet und endlich sind die letzten 17 km nach Goslar ah zusehen. Der Tacho arbeitet schon hart in Richtung 250 und meine Pedale scheint ihren Geist noch unbedingt vor der JH aufgeben zu wollen. Zwei Teile habe ich bereits eingebüßt zu allem Überfluß muß ich jetzt auch noch die Kette per Hand auf das kleine Blatt legen, die letzte Steigung vor der Herberge fordert erneut das Letzte und dann endlich um 22.15 Uhr rollen wir auf den Hof. Die Anmeldung klappt schnell, wir suchen noch das Frühstück aus und schleppen uns dann schnell zur Dusche, die leider nur etwa 30 Grad warmes Wasser produziert.  Das Zimmer hat 20 Betten, aber leider nur eine Heizung, auf der wir unsere feuchten Klamotten trocknen können. Torsten kontaktet noch mit zwei leicht dementen aber zu allem bereiten Mädchen aus Hamburg, Jan und ich kennen jedoch nur noch einen Wunsch! Schlafen...

(250 km)

Dienstag, 27.3.1990

Also, ich habe ja schon einige Dinge erlebt, in bezug auf spätes Loskommen und so! Aber diese ganze Aktion war die absolute Härte! Erst gegen 13.00 Uhr (dreizehn) verlassen wir Goslar. Vorrausgegangen waren zahlreiche Einkäufe. Da wir essenmäßig ziemlich wenig übereinstimmen muß jeder seinem eigenen Rundgang in jedem Supermarkt selbst erledigen. Hinzu kommt noch, daß Torsten sein Rad selbst im angeschlossenen Zustand nicht alleine lassen will. Das kostet natürlich Zeit, zumal er dann immer draußen auf uns wartet und hinterher dann noch die doppelte Zeit selbst braucht. Außerdem muß ja jedes Teil des täglichen Salates akribisch aus den hintersten Kisten des Gemüsestandes hervorgekramt werden, der empfindliche Magen will das so.

Einen Vorteil hat jedoch das Einkaufen. In einem Sportladen will Jan noch ein Paar Handschuhe erwerben, bei den herrschenden Temperaturen hatten wir ihm das doch sehr nahe gelegt. Die Verkäuferin ist äußerst geschwätzig und während Jan in ihren unendlichen Redesalven bereits mit den Gedanken abschweift und von dem bevorstehenden Okertal träumt, sieben Torsten und ich sorgfältig die wirklich guten Informationen, Wir sollen im Ostharz unbedingt das Bodetal befahren, meint die Dame, und dabei den Hexentanzplatz auf jeden Fall besuchen. Wir nehmen es zur Kenntnis und bedanken uns, denn für solcherlei Insidertips sind wir immer zu haben und dankbar.  Endlich biegen wir auf die B 498 ein. Mit vielleicht 7-8 % Steigung schlängelt sich die - glücklicherweise wenig befahrene Straße - zur Okertalsperre hinauf. Es regnet zunächst unaufhörlich, hört kurz auf, nieselt wieder weiter. Ein ewiges Klamottenwechselspiel, wieder einmal, das immer für Lästereien und Gelächter gut ist. Jan ist bereits fürchterlich am Keuchen, aber Torsten und ich weisen ihn darauf hin, daß dieser eher lockere Anstieg noch von sicherlich fürchterlicheren Strapazen gefolgt sein werden wird.

Und wir sollten Recht behalten... Die Okertalsperre zunächst ist recht beeindruckend, der Blick schweift weit über die Hänge, aber leider ist es ein wenig diesig und regnen tut’s auch schon wieder. In Altenau machen wir an einigen kleinen Geschäften halt und kaufen ein bißchen Verpflegung, sowie eine unglaublich kitschige Pudelkarte für unseren lieben Ingo. Der Bedienung in der Bäckerei scheint es eine willkommene Abwechslung zu sein, daß einmal nicht ein Rentnerehepaar zu ihren Kunden gehört, sondern drei sportliche Typen und sie beobachtet uns interessiert durch die Scheibe, bis Torsten sie schließlich fragt, ob sie mit kommen möchte.

Schneeketten vergessen?Tja, acht Kilometer, lächerliche acht Kilometer sollten nun nur noch his Torfhaus folgen. Jan fluchte beim Anblick der sich lang vor uns hinziehenden Kurven im voraus schon einmal. Wir kreiseln los. Hektischen Schaltvorgängen folgen knarrende Geräusche. Der erste Gang, bei allen 1:1 übersetzt, ist jetzt angezeigt. Nach wenigen Minuten haben wir den Sichtkontakt zu Jan verloren. Torsten fährt auch schon ein Stück voraus. Es ist wichtig, das man seinen Rhythmus bei solchen strapaziösen Touren selbst findet. Es hat keinen Sinn auf Jan zu warten oder ein Rennen mit Torsten anzuzetteln, denn das kostet beides unnötig Kraft.

Ich gebe zu, daß diese Strecke obwohl in Norddeutschland und nur knapp 500 Höhenmeter überwindend es in sich hatte. Zumal ab der Hälfte etwa ein dichter Hagel-/Schneeschauer einsetzte und je höher wir kamen, desto mehr Schnee uns beglückte. Die Schilder der Höhenangabe (400m, 500m, 600m, 700m) waren passiert, als wir uns entschlossen, auf einem Parkplatz zu warten. Jan war nach ca. 7 Minuten auch dann da. Inzwischen hatte ich schon zahlreiche Schneeballattacken auf Torsten gestartet, aber er ließ sich davon nicht begeistern. Die letzten 5 Minuten zur JH gingen recht flott. Etwas naiv plauderte ich davon, in Torfhaus einkaufen zu wollen, aber es stellte sich heraus. daß es dort nur einen Souvenirladen gibt.

Auf Strümpfen schlichen wir zur Anmeldung, im Haus war Straßenschuhverbot. Wir bekamen ein Zimmer mit drei weiteren Bikern zusammen und orderten erst einmal riesige Abendbrotmengen. Wie angenehm in einer Herberge vor 18.00 Uhr anzukommen!

Die Zimmergenossen stellten sich als sehr witzig heraus. Zum einen zwei Sechszehnjährige, die mit ihrem Lehrer gewettet hatten, ob sie es schaffen würden an einem Tag von Hannover bis Torfhaus zu kommen. Einsatz: eine Kiste Cola. Die beiden hatten alles dabei, was man auf einer Radtour nicht braucht:

einen Fön, Fressalien bis ins Jahr 2000. sogar einen 33er (!)  Maulschlüssel (geschätztes Gewicht 3,5 Kilo) für das Einstellen des Lenkradlagers. Nun brauchten sie aber erst einmal drei. Tage zur Rekreation in der Herberge.  Zum ändern Lutz aus Hainburg, der auf einem Dreigangherrenrad (wovon allerdings nur die ersten beiden funktionierten...) auch bis hierher gedrungen war. Mit ihm lieferten wir uns lange Diskussionen um den Sinn und Unsinn von Rad- und Autofahrten.

Das Abendbrot war gut, weil warm, viel und wohlschmeckend. Ich faßte den Entschluß Uwe Engel zu informieren, daß ich hier sei. Er ist ein alter Bundeswehrkamerad, der jetzt in Osterrode wohnt. Vielleicht sollten wir uns nach 3 ½ Jahren mal wieder sehen?!

Er kam dann auch. Während ich mit ihm schnackte, spielte Lutz mit den Kleinen Skat, und die beiden Beaus diskutierten über die schönen Frauen dieser Welt.  (35 km)

Mittwoch 28.3.2000

Ein weiteres Mal demonstrierten mir Jan und Toddy, wie man die schönsten Stunden des Tages ungenutzt vorbeiziehen lassen kann. Während ich mein Rad bereits bepackt hatte, saßen die beiden noch beim ausgiebigen Frühstück, um dann ihrerseits etwa 2 Stunden für das Fertigwerden zu benötigen. Ich nutze die Zeit zum Schreiben der Karte an Ingo, um 10.00 Uhr sollte der Briefkasten geleert werden, mache noch Tagebuchnotizen und fahre einmal in den „Ort“ Torfhaus und genieße die winterliche Landschaft überall. Es steht uns eine lange Abfahrt über 10km nach Braunlage hinunter bevor. Wir wollen dort noch reichlich einkaufen, um gut in der DDR über die Runden zu kommen.  Leider erreicht die Straße an keiner Stelle ein ähnliches Gefälle, wie das, das wir gestern hinaufgeastet sind. Nur 60 km/h Höchstgeschwindigkeit (mit Treten) sprechen für sich. In Braunlage stopften wir uns dann die Satteltaschen randvoll. Irgendwie kam jetzt doch ein wenig Spannung auf, denn Grenzüberquerungen haben für mich immer einen gewissen Reiz, zumal per Rad. Dieser Übergang war heiß. Eine in den Wald geschlagene Schneise, ein wenige Meter breites Loch im Zaun und recht freundliche Vopos gaben eine seltsame Atmosphäre. Der eine Grenzer fragte uns ausgiebig nach eingeführtem Geld und wies ausdrücklich darauf hin, daß offiziell umgetauschtes Geld eine Menge Ärger ersparen könne.

Wo ist die Bachmitte?Die Straße, die wir jetzt für ca. 4 km befahren, diente bis vor kurzem wohl allenfalls als Zubringer für die Wachtürme am Zaun. Ein Loch berührt das andere und wir fahren konzentriert dahin. Noch vor Erreichen des ersten Ortes.  Elend, bemerken wir einen Geruch, der uns nun für mehrere Tage begleiten wird, Eine Mischung aus Braunkohle und Abgas der Zweitaktermotoren.  Gleich zu Anfang haben wir ein witziges Erlebnis. An einer Steigung fragt uns ein kleiner Junge, ob wir Werkzeug dabeihätten. Ich hole es heraus und schraube ihm seine abgefallene Pedale wieder an. Er und, sein Bruder sind auf dem Weg vom Schulbus nach Hause. Mit großem Interesse betrachten die beiden unsere Räder. Ihres hat noch nicht einmal eine Gangschaltung. Der eine möchte unbedingt bei einem von uns mitfahren, Torsten erbarmt sich und die beiden zischen zusammen den Berg hinauf. Dero Beifahrer macht die Aktion offensichtlich so viel Spaß, daß er vor Freude vergisst „Stop“ zu rufen und Torsten bereits mit ihm am Elternhaus vorbeigezogen ist, als sein Bruder plötzlich ruft. Winkend bleiben die beiden zurück.  Auf der B 27 winden wir uns bei erheblichem Gegenwind Richtung Osten dahin.  Die optischen Eindrücke sind abwechslungsreicher: alles wirkt, als wäre die Zeit abrupt  30 - 40 Jahre stehen geblieben. Eine kulissenartige Stimmung, wie beim Betrachten von Märklin Eisenbahnanlagen überall . Düster, grau, deprimierend, das sind die zutreffenden Worte, die wir immer wieder gebrauchen. Wir passieren Elbingerode, Rübeland und Hüttenrode. Dort schießen wir in rauschender Fahrt hinab nach Treseburg. (Um abzukürzen schieben wir die  Räder einen Berg hinauf, der sich jedoch erst im Laufe des Schiebens als so gewaltig entpuppt, daß ich mich frage, ob wir nicht doch besser außenrum gefahren wären... Bestimmt 30 min schieben wir unter dampfenden Schweißausbrüchen hinauf. Der Blick entschädigt aber doch ein wenig.  Es schließt sich eine kilometerlange Strecke durch Wälder und Wiesen an.  Schließlich gelangen wir mit pfadfinderischen Fähigkeiten an den ominösen Hexentanzplatz. Dieser ist eine touristische Attraktion, viele Autos und Busse stehen dort bereits.

Wieder einmal, wie es uns noch oft passieren wird, spricht uns ein Mann an, der von unserer Radlerei recht beeindruckt zu sein scheint. Wir berichten über unsere Route und er rät uns, in Magdeburg am Alten Markt in das Informationsbüro zu gehen, und nach einer Radwanderkarte vom Elbuferwanderweg zu fragen. Seinen Wunsch für Rad- und Speichenbruch hören wir gern.  Der Blick über das Bodetal vom Hexentanzplatz aus ist grandios. Jan kann sich kaum noch losreißen, wir machen ein bißchen Hektik, denn die Dunkelheit kriecht bald heran, und wir müssen noch bis Wernigerode, Die Fahrt ‚runter nach Thale ist zügig bis sehr schnell, die vielleicht schönste auf unserer gesamten Tour, Timmenrode, Blankenburg und schließlich Wernigerode sind schnell passiert. Lediglich eine Baustelle mit Umleitung müssen wir geschickt umfahren.

Wir hoffen, daß in der Jugendherberge noch etwas frei ist. Zunächst möchten wir noch einen Blick in einen der großen Konsummärkte werfen. Es ist kurz vor sieben Uhr und Jan und ich besorgen noch Brot und ein bißchen Aufschnitt.  Unser Geschäftsmann Stapelfeld ist völlig dreist und spricht ein Ehepaar an, ob es uns nicht zum Kurs von 3:1. Geld tauschen möchte. Auf diese Art wird der Einkauf zum billigen Vergnügen. Unglaublich, was der Laden anbietet, oder besser: nicht anbietet. Das Brot kostet (500g) 62 Ostpfennige, also schlappe 20 Pf. Ähnlich liegen der Käse, die Milch und das Wasser, das wir erstehen.

Wir setzen die Fahrt fort, durch die Fußgängerzone ins Zentrum, fragen dann nach der JH. die sich in der Leninstraße befindet. Leider ist unsere Nachfrage dort erfolglos, der Mann in der Anmeldung ruft sogar in der zweiten Herberge vor Ort an, auch dort Fehlanzeige. Wir verlassen ihn etwas bedrückt. Ich schlage vor, zunächst einmal in die Agraringenieurschule nebenan zu schauen, wo ich Annett kenne. Ich habe sie Anfang März auf einer Geburtstagsfeier in Salzwedel kennen gelernt, sie studiert hier. Sie hatte mir in den Wochen vorher freundlicherweise Landkarten und Übersichtspläne über JH’s in der DDR geschickt und ich hatte versprochen, sie zu besuchen.  In ihrem Zimmer ist sie nicht, ich vermute sie beim Sport. Ein Mann kommt vorbei und führt uns zur Sporthalle. Ich schaue verlegen hinein und ehe ich mich versehe hat Annett mich schon entdeckt und springt auf uns zu. Sie freut sich scheinbar sehr. Ich erkläre schnell die Lage, aber sie hat auch keine Möglichkeit uns zu beherbergen.

Also verabschieden wir uns erst einmal und stehen etwas ratlos an einer Straßenkreuzung, als uns ein junger Mann per Rad anspricht. Er ist gleich Feuer und Flamme und verspricht uns, uns mit zu sich zu nehmen. Er rast wie ein Wahnsinniger vorweg, wir kommen kaum mit.

WernigerodeDie Aktion war mir suspekt. Es kam mir alles ein bißchen wie in Nordafrika vor, wo die Leute auch zunächst sehr hilfsbereit wirken und später einen bis auf das Hemd ausziehen wollen. Also keimte gewisser Argwohn in mir.  Völlig unnötigerweise, wie sich herausstellen sollte. Frank war in der Bundesrepublik sehr freundlich empfangen worden, und freute sich anscheinend nur, es uns „heimzahlen“ zu können. Er hat im Hof seines Grundstückes ein altes Häuschen, mit drei (Zufall?) Betten. Eine Toilette ist über den Hof zu erreichen. Was will man mehr? Die Frage nach der Bezahlung läßt ihn locker abwinken. Wir entschließen uns jedoch sofort, ihm jeder 10 DM für die Nacht zu geben.

Der Hunger quält uns schon seit Ewigkeiten und wir finden uns im Ratskeller ein. Ein Platz ist kaum zu bekommen, aber mit einer gewissen Penetranz ergattern wir einen Tisch und essen vorzüglich, laden Frank mit. ein. Am Ende werden wir ca. 60 Ostmark zahlen, ein Witz für das Gelage und die vielen Getränke.

Wir erfahren unglaubliche Dinge über Arbeitsmoral. Bildung und Meinung vieler DDR-Bürger. Ich verlasse die Drei gegen 22,00 Uhr, um mich noch mit Annett zu treffen. Beim Gehen treffe ich noch zwei weitere BRD-Biker, die ich an unseren Tisch führe, auch für sie hat Frank noch zwei Betten über, Annett schlägt vor, ein bißchen spazieren zu gehen. Wir latschen zwei Stunden durch das wirklich wunderhübsche Städtchen und reden über alles, was es so gibt, hauptsächlich über Politik. Wieder erfahre ich Dinge, die man eigentlich wissen muß, um dieses Land und seine Menschen verstehen zu können. Gegen Mitternacht trennen wir uns wieder an dem Internat.  Jan und  Torsten liegen schon in der Falle, als ich eintreffe. Wir reden noch angeregt, über die vielen Eindrücke von heute und schlafen dann in unsere Schlafsäcke gekuschelt tief und fest!

(100 km)

Donnerstag, 29.3.1990

Erst um 8.30 Uhr wachen wir auf. Es ist eiskalt im Haus, der übliche Dunstschleier liegt über der Stadt. Wir halten ein regelrechtes Frühstücksmahl mit Joghurt und allen Schikanen ab und steuern dann zunächst, noch ohne Gepäck, das Wernigeroder Schloß an. Es liegt sehr hübsch 120 m oberhalb der Stadt. Das Schloß wurde von 1870 - 1880 umgebaut und ist jetzt das  „Feudalmuseum“.

Wir streichen eine knappe Stunde wohl durch alle Räumlichkeiten und staunen über Prunk und Ritterutensilien. Nachdem Frank uns noch einmal besucht hatte, er hatte gerade einmal wieder eine seiner längeren Arbeitspausen..., verließen wir die wirkliche sehenswerte Stadt Richtung Norden, nach Halberstadt. Hätten wir gewußt, was für unangenehme Straßenverhältnisse uns erwarten wurden, wären wir vielleicht gar nicht erst gestartet!? Hinter Halberstadt entschlossen wir uns die B 81 zu verlassen, denn der nicht abreißende Schwerlastverkehr in Richtung Magdeburg raubte uns die letzten Nerven. Wir beschlossen über die kleinen Nebenstrecken zu reisen, auch wenn wir dadurch ein paar Kilometer mehr fahren würden.

RastWirklich über die Dörfer quälten wir uns von Schwanebeck. Krottorf nach Ochersleben. Waren zunächst, lediglich die Ortsdurchfahrten grob kopfsteingepflastert, so setzte bald ein nicht abreißendes solches Pflaster ein. Stunde um Stunde hoppelten wir auf Straßen, deren Beschaffenheit sich hier wirklich nicht beschreiben läßt. Man muß dabei gewesen sein. Lediglich eine kleine Rast in einem Bauerndorf unterbricht dieses Geknalle und Gekrache.  Dort werden wir, als wir uns auf einer Art Dorfplatz niederlassen,  angestarrt wie bunte Kühe. Teilweise scheint es uns sogar, als wurde sich das Volk zusammenrotten, um uns zu lynchen. Aber es stellt sich heraus, daß die Menschenmengen lediglich vor einigen Geschäften Schlange stehen.  Auf einmal scheint sich die Piste dem Ende zu nähern. Ich springe ab und posiere für ein Foto, auf dem ich den beginnenden Asphalt küsse, leider hatte ich übersehen, daß ca. 300 m weiter das Kopfsteinpflaster wieder beginnt...

Endlich kommen wir über Wanzleben Magdeburg näher. Das Hineinfahren in die Stadt gestaltet sich etwas kompliziert, da wir die KFZ-Straße nicht befahren dürfen, die uns unmittelbar ins Zentrum führen könnte. Wir fragen uns also mühsam nach der Richtung Jugendherberge durch. Es dauert bestimmt eine Stunde. bis wir die Suche nach dieser dann aufgeben und vor dem Jugendtouristhotel anhalten. Das Ding macht einen verflucht noblen Eindruck. Völlig verschwitzt machen Toddy und ich mich auf den Weg hinein, da wir befunden hatten, noch am gepflegtesten von uns Dreien auszusehen, da Jans unrasiertes Kinn mittlerweile nicht mehr mit dem modischen Begriff „Dreitagebart“ in Deckung zu bringen war. Es -ist dann auch kein Problem ein Zimmer für den stolzen Preis von 24 Westmark für jeden zu bekommen.

Wir treten jedoch aus dem Bau mit den Worten zu Jan hinaus, man müsse dort eine Krawatte vorweisen können, was er uns auch etwa fünf Minuten lang glaubt, bis es ihm dann doch komisch vorkommt, daß wir unsere Räder bereits absatteln. Es folgte eine lange und ausgiebige Dusch-, Pflege- und Rekreationsaktion. Wir stellen fest. daß wir alle merkwürdigerweise eine recht gesunde Gesichtfarbe  bekommen haben. Wir ziehen uns dann allesamt einigermaßen vernünftig an und beschließen wieder einmal zum Speisen zu gehen.

Zuerst statten wir jedoch der Magdeburger Frühjahrsmesse einen kurzen Besuch ab. Sie ist nämlich nur etwa ein Achte] so groß wie der Hamburger Dom und daher recht unattraktiv. Unsere Wahl fällt auf das Restaurant. Prag, sicherlich eines der besten Hauser am Platz. Das Essen ist vorzüglich. Jans Cocktail als Vorspeise und unsere Schweinerückenfilets halten, was der Klang ihrer Namen versprochen hatte. Dazu gibt es reichlich Getränke und wieder zahlen wir nur ca. 70 Ostmark, sprich vielleicht gut 20 DM für uns alle Drei zusammen für ein wirklich exklusives Essen. Auf dem Rückweg ins Touristhotel machen wir an der Rezeption halt und sprechen ein bißchen mit den Damen dort, fragen unter anderem, was man heute abend denn noch so unternehmen könne. Es wird auf die im Haus stattfindende Disco verwiesen, in die wir uns dann auch begeben. Es ist ziemlich voll, die Stimmung ist ausgelassen und es wird heftigst getanzt zu guter Musik. Während Jan und Torsten die Tanzfläche unsicher machen, betrete ich eine Veranda und schaue eine Zeitlang hinaus. Es treten außerdem ein Junge und ein Mädchen hinzu, scheinbar Ostdeutsche. Sie unterhalten sich, ich höre zu. Plötzlich kommt Torsten hinzu und grüßt mich griechisch „Yassou“ und fügt einiges griechisches Kauderwelsch hinzu, das ich nach bestem Vermögen beantworte. Die anderen beiden unterbrechen ihre Unterhaltung und lauschen gespannt, ihre Ohren, Augen und Münder werden immer größer, bis er schließlich mit vorsichtigem Englisch fragt: „Excuse me, where do you come from?“ Torsten, nicht dumm, erwidert trocken: „Guess!“ und das lustige Spiel geht weiter bis wir schließlich schallend lachen müssen und das Rätsel gelöst ist. Wir reden noch eine Zeitlang mit den beiden. Es handelt sich hier um einen Schüleraustausch Ost-West. Um 0.00 h ist jedoch die ganze Veranstaltung vorbei und wir gehen noch einmal zur Rezeption ‚runter. Wir fragen dort, wie man nach Westdeutschland telefoniert. Dann rufen wir den guten Ingo an, der sicherlich schon den Kopf randvoll mit physikalischem Spezialwissen hat, Wir haben Glück: bei diesem Gespräch fällt kein Geld durch und wir können sicherlich eine Viertelstunde mit ihm klönen. Neben vielen Anekdoten die ausgetauscht werden, bekommen wir auch eine traurige Nachricht, Jans Oma ist gestern gestorben. Er versucht, während Toddy und ich schon auf das Zimmer gehen, noch seine Eltern zu erreichen.

(90 km)

Freitag, den 30.3.1990

MagdeburgZum Frühstück gibt es im Hotel ein kaltes Büfett, das wirklich nicht so schlecht ist, wie erwartet. Wir nehmen uns auch noch ein paar Brotchen mit, für die Fahrt. Zunächst aber machen wir noch kurz Stop am Magdeburger Dom, der sehr imposant ist, und mich irgendwie an die Kathedrale von Sevilla erinnert. Dann stoßen wir ins Zentrum zum Alten Markt, um dort in der Fremdenverkehrszentrale die ominöse Beschreibung des Elbuferwanderweges zu ergattern. Aber - wie hätte es anders sein können - vergriffen ist das Teil.  Wir erhalten aber wieder einmal reichliche Tips von Passanten, die uns ansprechen, um uns einerseits die Bewunderung des Radreisens mitzuteilen oder um selbst von irgendwelchen Touren - auch vor dem Krieg - in Westdeutschland zu berichten.

Wir verlassen Magdeburg in Richtung Norden. Der Wind heute ist schlichtweg fürchterlich. Ich bin auch irgendwie nicht so gut drauf, wie sonst. Kurz vor Wolmirstedt passieren wir den Mittellandkanal. Wir nutzen die Gelegenheit zu einer kleinen Pause. Eine Informationstafel gibt Angaben über den Bau und die technischen Daten des Kanals.

Ich schlage den beiden vor, doch einfach umzudrehen, dann mit dem Wind im Rücken zurück in den Harz zu brettern, um dort noch zwei landschaftlich schönere Tage zu genießen. Schließlich könnten wir ja auch per Zug zurück nach Hamburg fahren... Aber die Idee trifft nicht auf fruchtbaren Boden. Ich bin wirklich ziemlich genervt heute! Der Verkehr, die eklig stinkende Luft, die unglaublich häßliche Landschaft, die Kälte und der Wind summieren sich so auf,  daß das Radfahren für mich - und das sage ich wirklich nur äußerst selten - nicht zum spaßbringenden Erlebnis wird. Alles das, was ich sonst am Radreisen so blumig preisen kann, hat sich heute ins Gegenteil verwandelt. Nun gut, was soll´s also, da müssen wir heute durch. Ich wundere mich nur, wo Jan und Torsten ihren Elan hernehmen.

Wir passieren auf der ganzen Fahrt heute ein großes Truppenübungsgebiet, die Letzlinger Heide. Überall rechts und links ist militärisches Sperrgebiet, und wir sehen einige russische Militärtransporter und Streckenposten, denen wir immer freundlich zuwinken. Meist kommt eine, wenn auch durch eine Phase des Überlegens verzögerte, freundliche Reaktion. Irgendwo lassen wir uns dann erschöpft zu einer Mittagspause in den Wald fallen, fühlen uns dabei aber immer beobachtet und rechnen jederzeit mit einer Kontrolle durch Militärstreifen. Wir essen und rangeln herum. Torsten bewirft mich schließlich mit einer Bananenschale, wir spritzen uns mit den Fahrradwasserflaschen voll, werfen uns gegenseitig zu Boden.

Um in die avisierte Jugendherberge in Arneburg zu kommen, müssen wir Stendal noch passieren. Kurz danach fragen wir vorsichtshalber einen entgegenkommenden Radler nach der JH, ob sie existiert und wie weit es noch sein mag, bis dorthin. Er tippt auf 17 Kilometer und wir drehen frohen Mutes in den leichten Rückenwind und genießen die jetzt vom nahezu blauen Himmel strahlende Abendsonne. Mit um 30 Sachen rollen wir dahin, Torsten und ich haben es uns zum Wettbewerb gemacht, an den Ortsschildern Punkte zu sammeln. Wer als erstes das Schild passiert bekommt je nach Größe des Ortes Punkte. Am letzten Ortsschild vor Arneburg kam es zu dem wohl spektakulärstem Rennen. Im Gegensatz zu Torsten erinnere ich mich nicht mehr an den Namen, ich glaube er hieß Waterloo... Ich hatte bereits lange vor dem Ort einen langgestreckten Spurt begonnen und lag sicherlich 100 Meter vor ihm, als er dann jedoch unaufhörlich näher kam und mit Hilfe seines Rennlenkers und der allerletzten Beinkraft mir eine häßliche Niederlage beibrachte. Die JH war nach einigem Fragen schnell gefunden und wir mußten ein paar Häuser weiter nach dem Schlüssel fragen. Die Herbergsmutter kam und schloß uns auf. Für’s Abendbrot war es schon zu spät, und ein Frühstück wollte sie uns auch nicht machen, da wir am nächsten Morgen schon früh abreisen wollten. Der Zustand der Herberge war ziemlich bitter. Jan und Torsten weigerten sich jedenfalls zu duschen. Das sagt vieles über die Hygiene dort aus.  Wir suchten dann noch die einzige Gaststätte am Ort auf und aßen dann Gulasch bzw. Forelle dort. Danach machten wir noch einen Trip an den guten alten Heimatfluß Elbe, der sich hier recht breit und träge durch eine Schilf- und Moorlandschaft schlängelt.

Ein kleiner Schreck am Abend waren dann noch die beiden gebrochenen Speichen an meinem Hinterrad, die wohl dem mörderischen Kopfsteinpflaster zum Opfer gefallen waren. Ich versuchte noch Torsten Zumm in Berlin zu informieren, daß ich ihn nicht besuchen könnte, aber einen Anschluß zu bekommen war aus der Telefonzelle unmöglich. Es folgten noch Reparaturen an Jans (Schaltung einstellen) und meinem Rad (Speichen). Um 6.00 sollte es morgen losgehen, also waren wir schon früh im Bett.

(90 km)

Samstag, den 31.3.1990

Das Aufstehen fand erst um 6.45 Uhr statt, aber dennoch. Im Morgengrauen peitschten wir uns über kleine Nebenstraßen voran. Alle 5 km übernahm ein anderer die Führungsarbeit, das hieß immer 10 km ausruhen und 5 km den Wind brechen. Ca. 40 Kilometer mußten wir zurücklegen, bis wir dann auf der Straße nach Westen abknickten. Auf der B 190 waren es jetzt noch ca. 25 Kilometer bis zum Arendsee, hinter dem wir einen Grenzübergang ausgesucht hatten. Ohnehin war die Zeit heute total verplant und knapp. Unser Lebensziel war nämlich das rechtzeitige Ankommen in einem bundesdeutschen Ort mit Einkaufsmöglichkeit.  Aus unserem Stop in einer Gaststätte am Arendsee wurde nichts, am Wochenende hatten alle Bauern aus dem anliegenden Heizen und Umgebung die wenigen Restaurantplätze in Beschlag genommen. Es blieb uns in der Tat nichts übrig, als eine regelrechte Raserei in Richtung Heimat. Mehrere Fehlschläge mußten wir verzeichnen, bis wir endlich um 12.45 Uhr, also 15 Minuten vor dem Ladenschluß am Samstag in einem Örtchen Namens Schweskau einen noch offenen Edekaladen fanden. Wie die Geier stürzten wir hinein, selbst der sonst so vorsichtige Torsten ließ sein Rad Rad sein und betrat mit riesigen Schritten und knurrendem Magen das Geschäft.

Das grosse Fressen...Was dann folgte, ist am besten mit dem Begriff Hamstern zu beschreiben. Wir setzten jeder innerhalb von Minuten ca. 30 DM um und konnten die Warenmassen kaum in den Taschen verstauen. Was 4 Tage in der DDR schon bewirken können!  Ich stopfte noch im Hinausgehen eine Tüte Geleebananen, ein Eis, eine Müllermilch und eine Kiwi in mich hinein, die anderen waren auch nicht die echten Genießer. Danach suchten wir uns einen Sportplatz als Ruhestätte und nahmen ersteinmal ein opulentes Mahl zu uns. Die Temperaturen waren mittlerweile richtig angenehm geworden und so kam es, daß wir uns entschlossen ein wenig Musik zu hören, zu lesen oder in der Sonne zu dösen. Die Erschöpfung durch das gegen den Wind Fahren muß enorm gewesen sein, denn erst nach geschlagenen zwei Stunden wachten wir wieder auf... Die Sonne hatte uns doch arg zugesetzt, die Gesichter glühten. Nur noch 35 Kilometer waren es bis Hitzacker, bei sommerlich warmen Temperaturen rollten wir dort ein. Die Herberge lag ein bißchen außerhalb auf einem spektakulär steilem Berg.  Die geschwätzige Herbergsmutter hatte ein Zimmer in einem ruhigen Block des Hauses für uns, und noch vor dem Abendbrot duschten wir ausgiebigst. Gleich im Anschluß an das Essen entschlossen wir uns noch zu einer „über Stock und Stein“ Fahrt an die Elbe runter. Morgen würden wir wieder in Hamburg sein!  (115 km)

Sonntag, den 1.4.1990

Schon gleich morgens nach dem Aufstehen war es in der Sonne bereits kaum auszuhalten. Ein herrlicher Tag zum Abschluß der Tour - Radierherz, was willst du mehr? Die Elbuferstraße ist ja wirklich unerwartet schön. Die Strecke weist trotz Wassernähe und norddeutscher Tiefebene Steigungen bis 13% auf. Im ständigen Auf und Ab zischen wir viele Kilometer in kürzester Zeit weg. An einem Aussichtsturm haben wir einen phantastischen Blick auf die Elbe, beide deutschen Länder und einen für das Drawehn typischen Rundling. In kürzester Zeit sind wir schon in Bleckede angekommen, der Wind kommt heute von hinten! Dort befinden Torsten und ich, daß es sicherlich auch nett wäre, die Fahrt auf der anderen Elbseite fortzusetzen, zumal eine Fähre hier die Überquerung des Gewässers ermöglichen soll. Jan ist nicht so begeistert, schließt sich aber dann murrend an.

Die Fahrt kostet 2.- und lohnt sich wirklich. Auf der anderen Seite setzen wir die Fahrt nach der Grenzkontrolle auf einem Deich mit tollen Ausblicken fort.  Immer in geringem Abstand zu dem ehemals elektrischen Zaun schlängelt sich das Teerband durch eine wunderhübsche, dem Alten Land ähnelnde Landschaft. Wir stoßen dabei ein wenig ins Landesinnere und fahren dann über Boizenburg auf der B5 zum Grenzübergang in Lauenburg.

Die letzten Kilometer Richtung Hamburg beginnen. Kurz hinter Lauenburg machen wir noch eine lange Pause am Elbstrand. Wir können unsere Köpfe schon kaum noch der Sonne exponieren, so brennt die heiße Nachmittagssonne auf der Haut.  Eine komische Begebenheit gibt es hier zu berichten. Der Versuch meinerseits, mit Rückenwind zu spucken, landet zu meinem und besonders zu seinem Entsetzen auf Jans Oberschenkel. Reaktionsschnell aber spritzt er mich mit einem 500 g Yoghurt von oben bis unten voll. Das Gelächter dauerte Minuten lang...  Eine melancholische Stimmung, wie immer am Ende von Reisen begleitet mich auf den letzten Kilometern. Jan verläßt uns auf der Höhe von Geesthacht, er muß ja nach Willinghusen fahren. Torsten und ich legen auf den folgenden 50 Kilometern noch einmal ein Höllentempo hin, und schaffen es, in zwei Stunden nach Hause zu kommen. Beinahe noch hätten wir Torstens Hinterrad flicken müssen, ständiges Aufpumpen war aber zum Glück ausreichend. Ich schaue noch kurz mit bei Ingo ‚rein, wir erzählen ein paar Anekdoten, um 18.00 Uhr hin ich wieder in der Paul-Sorge-Straße angekommen.

(135 km)

HistorieWas hat die eine Woche gebracht? Zunächst einmal 813 Kilometer auf den Tacho.  4 gebrochene Speichen bei mir, zwei Plattfüße bei Torsten. Einzig Jan hatte außer einer leicht verstellten Schaltung keine Probleme.  In der DDR konnten wir viele Eindrücke gewinnen, die es mir leichter machen, die Mentalität und das Verhalten unserer Nachbarn zu verstehen. Überhaupt gingen die Eindrücke weit über die Erlebnisse der Eintagesabstecher hinaus, die ich bisher sammeln konnte. Mir scheint es zum momentanen Zeitpunkt unvorstellbar, innerhalb vielerorts geforderter kurzer Zeit aus diesen beiden, ehemals zusammengehörenden Ländern, wieder eines zu machen. Zu groß erscheinen mir die Diskrepanzen in allen Belangen der Technik, der Umwelt, der Menschen überhaupt. Hier müssen Wunder geschehen, wenn je alle mit dem Ausgang des Wiedervereinigungsprozesses zufrieden sein wollen und sollen.  Die Idee von einem vierwöchigen Sommerurlaub per Rad in der DDR scheint derzeit beigelegt, zumindest von meiner Seite. Die Straßenverhältnisse und der grauenhafte Zustand der Atemluft lassen mich mit Entsetzen an einen längeren Aufenthalt per Rad dort denken. Eventuell eine weitere Woche im Südosten der Republik oder an der Ostsee bzw. an der Mecklenburgischen Seenplatte wären in meinen Augen sinnvoll.

Meine Beifahrer haben sich gut gehalten. Von Torsten hatte ich nichts anderes erwartet, ich kenne ja seine Zähigkeit zur Genüge, die mindestens so ausgeprägt ist, wie seine Unfähigkeit zu planen. Jan hat mich überrascht.  hatten wir doch gemunkelt, er würde nach zweihundert Kilometern tot vom Satte!  kippen, so war seine Ausdauer, besonders zum Ende der Fahrt hin, beachtenswert.

Immerhin seine erste große Tour ohne besonders ausgiebiges tägliches Alltagstraining. Auch in „ideologischer“ Hinsicht war aus dem „schrecklichen“ Autofahrer in kürzester Zeit ein „echter Biker“ geworden, der genauso über rücksichtslose und falschparkende Autofahrer fluchen konnte, wie wir. Von seinen anderen erworbenen Fähigkeiten ganz zu schweigen.

Eine runde Sache alles in allem, an die wir uns sicher später gerne zurückerinnern und um dieses leichter und vielleicht genauer tun zu können, habe ich den Bericht geschrieben - und für Ingo...

Hamburg, den 13. Mai 1990  

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