Radreise nach Marokko 2018

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http://www.marokko-per-rad.de

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Nach vier Jahren Radabstinenz von Marokko (ich war zwischendurch nur zweimal (2016 und 2018) mit Kindern und Mietwagen dort unterwegs), hatte ich dieses Jahr die Gelegenheit, 14 Tage zu reisen, zu einer Zeit, zu der ich noch nie per Rad im Land gereist war. Sofort gingen mir die Dinge durch den Kopf, an denen ich in den letzten Jahren gescheitert war:

- das Tessoauttal konnte ich mit Roland 2008 nicht wegen der Schneeschmelze befahren...

- der Lac Maider war 2006 im Regen versunken, als ich einst die piste interdite an der algerischen Grenze befuhr...

- die Piste de cols aus dem Gandini war ich 2014 mit Moni gefahren, aber wir mussten den Abstieg nach Batli abbrechen, da zu gefährlich, nun sollte es in Fortsetzung dieser Strecke eine Traversierung ins Ahansaltal geben...

 

28.10.18

Irgendwie lief alles nicht wie geplant... da habe ich das erste mal in meinem Leben 2 Wochen um in meinem Lieblingsland radzufahren... als erstes 75 min in der Passkontrolle am Airport in Marrakesch, dann fiel mein Transfer aus (da dachte ich noch gleich zu starten, da es trocken war), also im Taxi für 150 DH in die Medina. Dort eine wirklich eklige Diskussion mit dem Handkarrentypen, der für seinen 10 minütigen Einsatz im nun einsetzenden Starkregen 300 (!) DH forderte und nicht aufgab...

Im Riad angekommen erstmal trockenlegen und sortieren, Rad zusammenbauen, zahlreiche Telefonate führen ( Ralf supported diese Reise erstklassig).

Ein kurzer Bummel am Djemaa, ein Friseurbesuch, ein Spaziergang zum Hotel um Daniel zu treffen, dann ich mit seinem Wagen im dunklen verregneten Marrakesch (er fuhr seinen Mietwagen für den nächsten Tag), leckeres Fischessen im unbekannten Teil der Stadt, Besuch bei Supratours wegen des morgigen Bus-Tickets nach Ouarzazate- Sperrung der Strecke wegen Schnee und Überflutungen). Na prima, also morgen am zentralen Busbahnhof versuchen ob die privaten Busse fahren - inshallah ...

 

29.10.18

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch...  allein dafür hat sich der gestrige Tag schon wieder egalisiert und die Reise gelohnt.

Fing schon wieder blöd an, ich stand um kurz vor sieben am Gare Routiere und auch hier keine Busse nach Ouarzazate heute und der erste nach Demnate, meiner Alternativroute um neun ... Also ein Taxi collective gechartert und 6 Plätze gezahlt (ca. 27€ für 110 km) und dort in Grabeskälte alles zusammengebaut. Demnate liegt auf etwa 950 m, dahinter bis zum Naturbrücke Imi-n-Ifri geht es durch schönen Kiefernwald.

Schon hier ließen die Blicke nichts Gutes ahnen und die Straße war gesperrt -  Route barree, Barriere de neige. Wilde Pfiffe und Rufe hinter mir, als ich das ignoriere, aber eine wirkliche Alternative sah ich nicht. Dadurch war praktisch kein Verkehr. Mein geplantes Ziel, Toufrine liegt zwischen zwei mächtigen Pässen um die 2200 m im tiefen Atlas, 75 km voraus. So langsam kam ich in meinen Tritt, so ein Kaltstart gleich bergauf ist immer etwas gewöhnungsbedürftig.

Die R 307 nach Skoura war vor mehr als 10 Jahren eine neue Asphaltstraße, aber Witterungen wie diese haben sie zur Piste zurückgebildet, überall langstreckige Bauarbeiten. Ab 1600 m lagen erste Schneeflächen, es tropfte aus den Bäumen und diese ohnehin ausgesprochen spektakuläre Strecke mit den hingestreuten Berberdörfern und den mächtigen Gipfeln und Schluchten wirkte noch abgefahrener als sonst. Nach dem ersten Pass (1650 m) ging es wieder bergab und im nächsten Anstieg überholte mich ein Polizeifahrzeug, kurzes Gespräch und man forderte mich auf, umzudrehen. Ich war bereits 30 km gefahren und hätte einen ca. 200 km langen Umweg in Kauf nehmen müssen, wäre ich dem Ansinnen gefolgt... also Augen zu und durch, eine Taktik überlegend , was zu tun wäre, wenn sie zurückkommen.

Da mich einige km zuvor ein Schneepflug überholt hatte, war ich ohnehin optimistisch. Ab 1800 m dann eine geschlossene Schneedecke, Schmelzwassermassen überall in der nun wärmenden Sonne. Heilfroh über mein MTB mit der hohen Bodenfreiheit und den breiten Reifen kurbelte ich voran, bis zur Passhöhe auf 2180 m lief es am Ende problemlos, tiefen Matsch , Schlaglöcher und Schneereste mal ignorierend. Dann zog sich die Strecke in sanftem Auf- und Ab kilometerweit durch eine verzauberte Winterlandschaft, um dann rasch nach Ait Tamlil abzufallen, wo ich erstmal eine große Teekanne brauchte um wieder warm zu werden, die Höchsttemperatur da oben war bei etwa 7 Grad. 

Der weitere Verlauf bis Toufrine ging überraschend bergan, dem Fluss Tessaout folgend. In Toufrine war ich 2008 mit Roland gescheitert, da frühlingshafte Schmelzwasser die weitere Passage am Fluss entlang hinauf zum Tizi-n-Oualoun unmöglich machten. Nun schien die aktuelle Wettersituation erneut ungünstig für das Projekt, liegt der Pass doch auf 2800 m Höhe ... ursprünglich wollte ich jetzt weiter nach Skoura fahren um dann die Wüstenetappen zu beginnen, nach mehreren Telefonaten mit Ralf, Brahim ( dem Besitzer der Gite hinter dem Pass) und Einbeziehung eines ortskundigen Bewohners im Ort, war man sich einig, dass heute zwei Allradfahrzeuge den Pass passiert hatten und es einen Versuch wert sei. Also hinein in die Schlucht und noch 8 km mit müden Beinen bergan in die Gite von Ait Ali N Ito, wo ich nach köstlicher Tajine nun den morgigen Tag mit Spannung erwarte..
Die nächsten 10 km sind auf einer ziemlich üblen Piste zurück zu legen, bis Amezri auf 2000 m erwarte ich keine Probleme, danach bleibt es spannend...

   
   
 

30.10.18

Die Gite in der ich in Ait Ali n Ito übernachtet habe, war ausgesprochen schön, eine tolle Architektur und fast zu modern für solch eine „einfache“ Unterkunft, warm war es nachts auch, so dass ich prima schlafen konnte, auf 1800 m ohne Heizung nicht selbstverständlich.

Da Marokko ja die Zeitumstellung ausgesetzt hat, herrscht bzgl. der Uhrzeit Chaos. Der freundliche Besitzer hier hatte die Uhr wohl unwissend eine Stunde zurückgestellt und so wartete ich eine Stunde auf mein Frühstück. Ein wenig angespannt war ich schon, aber die ersten 3-4 km waren erstaunlich gut ausgebaut und ich frohlockte schon.

Der auskunftsfreudige Herr in Toufrine tags zuvor hatte gemeint, man solle immer links vom Fluss bleiben, aber schon bald war das nicht möglich und das ziemlich strömende Oued zu queren. Kurz zuvor hatte ich bereits beim Versuch einen Seitenarm zu queren übermütig einen Sturz fabriziert, da ich nicht rechtzeitig aus der Klickpedale kam und schmerzhaft auf einen Stein mit dem Knie fiel, der Rest von mir incl. Rad landete im Matsch.

Nun hieß es immer wieder Schuhe an und aus, es war nach dem Sturz eh alles nass, so dass ich irgendwann die Füße nicht mehr wirklich spürte. Nach einer guten Stunde hatte ich gerade mal einem weiteren Kilometer geschafft und begann am Unterfangen zu zweifeln. Zudem war zwischen den zahlreichen Querungen die Strecke teils übelst verschlammt.

 Inzwischen war irgendwie alles nass und matschig und jedes andere Rad als mein dick bereiftes MTB sinnlos. Ich telefoniere kurz mit Ralf, der die Strecke kannte,  dessen Erfahrung einzuholen, nach Diskussion und Studium sämtlicher elektronischen Infos entschied ich mich aber weiterzumachen. Das war eine heftige Plackerei aber im Nachhinein gut, denn zurück wäre es genau so schlimm gewesen.

Nach insgesamt 12 km erreiche nach endlich die „Ausbaustrecke“ bei Ichbaken, hier liegt tatsächlich dünner Asphalt. Landschaftlich ist die Strecke durch das Tessaouttal unwahrscheinlich schön. Der Kontrast von Schnee, Bergen und Flussbett mit verschachtelten Lehmhütten ist ungemein reizvoll. In Amezri endet der Teer und es beginnt der Anstieg auf den Tizi-n-Oualoun, der mächtige 2807 m hoch ist, das zwischenzeitliche Putzen des Rades und Abkratzen des Matsches hätte ich mir allerdings sparen können, denn durch den gestrigen Schnee war der Großteil der Strecke verschlammt und man fährt bergan mit bis zur Felge einsinkendem Hinterrad wie mit angezogener Bremse.

So quäle ich mich völlig ungewohnt in 50 Höhenmeter-Schritten hinauf. Immerhin verziehen sich langsam die Wolken... Die Blicke sind auf den kommenden Kilometern fantastisch, braun, grün, rot und ockerfarben sind die Berge, dahinter Ketten bis 3500 m völlig weiß... die Abfahrt ist ebenfalls grässlich matschig bis etwa 2200 m, so dass ich teils im Schritttempo bergab bremsen muss!

Immerhin fahren irgendwann wieder die üblichen Mercedesbusse und ich erreiche nach nur knapp 50 km heute völlig ausgelaugt Imi-n-Oualoun, wo ich in der Gite von Brahim nun bereits zum dritten Mal nächtigen werde. Wie immer kümmert er sich rührend um seinen Freund Jan und wir haben uns viel zu erzählen...  mein Knie ist ziemlich angeschwollen und es regnet - gute Vorzeichen für morgen!

   
   

31.10.18

Ich schlafe wieder tief und lang, dennoch fühle ich mich ziemlich zerknittert, der Hals tut weh, das Knie sowieso und meine Fußsohlen brennen vom vielen Furten wie Feuer... Brahims Frühstück ist wie immer köstlich mit frischem Schmalzgebäck und einer Riesenkanne Minztee.

Nach einem herzlichen Abschied versuche ich Rad zu fahren, was erstaunlich gut funktioniert und kurbele ohne große Unterbrechung durch das Flusstal, dann hinaus über Toundout durch die steppenartige Landschaft zwischen dem hohen Atlas und der sogenannten Straße der Kasbah gen Skoura.

Hier kaufe ich Obst, Brot und Getränke, wechsele Geld und sitze in einem Café in der Sonne, endlich ist es einmal warm! Skoura ist sympathisch beschaulich und meine Versuche etwas über die Versorgungslage in Bouskour zu erfahren, scheitern. Letztlich denke ich, dass die Minenarbeiter ja auch von etwas leben müssen und belasse es bei der Grundversorgung.

Die Piste führt in hervorragendem Zustand zunächst nach Sidi Flah, kurz zuvor kreuzt man den reichlich Wasser führenden Oued Dades, eine wunderschöne Szenerie. Nach dem Ort wird die Trasse deutlich schmaler und der Verkehr erstirbt. Ein einziges Auto begegnet mir auf den nächsten 25 km, der Fahrer berichtet es gäbe keinerlei Versorgung in Bouskour und so luchse ich ihm gleich einmal eine Flasche Wasser ab... kurz zuvor hatte ich versucht im Schatten der Bäume einer kleinen Oase zu pausieren und wir dabei unendlich viele Dornen in die Reifen gefahren, so dass ich wenige Kilometer später sechs (!) Löcher flicken und Dutzende Stachel aus den Reifen ziehen muss. Das kostet mich insgesamt eine Stunde in absoluter Stille, trotz des Ärgers eine irre Situation. Ich fürchte allerdings, einige ganz kleine Einstiche nicht erwischt zu haben und muss immer wieder ein bisschen nachpumpen.

Ein weiteres Flicken macht aber erst in Nekob Sinn, wenn ein Wasserbehälter nutzbar ist. Kurz vor Bouskour ist eine Ansammlung von Baustellenfahrzeugen und ich frage nach der neuen Piste (der Tipp kam von Edith Kohlbach) nach Nekob. Diese beginnt direkt hinter der Baustelle und die Jungs geben mit noch ein bisschen Wasser für meine spätere Körperpflege... noch 13 km fahre ich von dort aus, es geht am Ende über kleinere Pässe um die 1600 m und jedesmal denke ich: der noch und dann wars das, aber die wirklich sehr gute Piste schraubt sich immer weiter in eine bizarre Felslandschaft mit großartigen Blicken hinüber zum schneebedeckten Atlas, einzelne Hirten mit Schafherden begegnen mir, ansonsten habe ich alles für mich. Auf knapp 1800 m vor der letzten (?) Anhöhe entdecke ich einen grandiosen Biwakplatz und kann sogar mit dem letzten Strahlen der untergehenden Sonne duschen. Mein Track weicht allerdings erheblich von den Wegpunkten ab, die Edith mir zur Verfügung gestellt hat, mal sehen wo ich morgen lande! Lt. den Straßenarbeitern sollten es 35 km bis Tagmoute und dann nochmal 40 km bis Nekob sein.

 

 
 

1.11.18

Jetzt scheint auch noch meine Isomatte ein Loch haben... die letzten Stunden der Nacht waren unbequem und ich zu faul zum Nachblasen. Leider hatte ich den letzten Pass noch nicht erreicht, im Gegenteil - retrospektiv wars kaum die Hälfte. Immer wieder gehts im harten bergauf- bergab voran durch eine bizarre versteinerte, völlig einsame Gegend. Mehrfach sehe ich allerdings Nomaden in ihren klassischen braunen Zelten mit ihren Herden in steinernen Kralen. Der Ort Tagemout ist nach gut 15 km erreicht, hier geht die Piste nördlich nach Kelaa de Mgouna ab. Eine Gite gäbe es im Ort auch.

Ich habe zum Glück noch ein paar Kleinigkeiten zum Essen im Gepäck und beginne den Aufstieg auf den höchsten Pass der gesamten Saghrouquerung, der 2030 m hoch ist. Dahinter eröffnet sich ein überwältigendes Panorama in eine versteinerte Welt aus Canyons, Basaltkegeln und Formationen, Eindrücke, die wegen der herrschenden Bewölkung leider auf meinen Fotos nicht so recht zur Geltung kommen.

Ich persönlich finde die Strecke attraktiver noch als den Klassiker Tizi-n-Tazazert, ein paar Kilometer weiter östlich. Die rauschende Abfahrt wird unterbrochen von kleinen Gegenanstiegen auf 1650 m wieder hinauf und danach schießt man auf bester Piste erneut hunderte von Höhenmetern bergab, bis man entlang eines Flusses und dann in einem Flussbett lange unterwegs ist. Hier kümmere ich mich nochmals um mein immer noch Luft verlierendes Hinterrad und tauche es ist das dürre Oued. Tatsächlich ist noch ein Miniloch zu finden...

Bis Nekob fliege ich nun mit leichtem Rückenwind und verschlinge gierig Hühnchenspieße mit Pommes und - damit es nicht langweilig wird - ficke ein hoffentlich letztes Mal das Hinterrad! Nach Tazzarine sind es noch 35 km und ich beschließe sie wegzurollen, um mich dort mit Wasser und Lebensmitteln für den Abend zu versorgen. Im Ort angekommen kaufe ich ein und nutze ein Café mit Wifi um Bilder und Berichte upzudaten, sowie mein Duschwasser zu organisieren. Die Wettervorhersage ist für die nächsten Tage stabil, um die 25 Grad und viel Sonne. Das genieße ich heute schon, ein echter Sommertag liegt hinter mit und etwa 10 km hinter dem Ort breche ich rechts auf unscheinbaren Spuren über die Hammada in die Pampa um einen tollen Biwakplatz zu finden, alle Akazien großräumig umfahrend, langsam sind meine Flicken knapp...

Der laue Abend lädt ein, lange draußen zu sitzen und die völlige Dunkelheit mit Sternenhimmel und die Ruhe zu genießen.

 

2.11.18

Entwarnung- Isomatte ist ok. Ein Tag wie aus einer anderen Welt.

Nahezu völlige Windstille und ein wolkenloser Himmel mit glasklaren Farben, wie es wohl nur der Herbst möglich macht, dazu angenehme 24 Grad. Ich fahre zunächst etwa 40 km auf Asphalt, in Taghbalt kaufe ich in einem kleinen Laden ein, ein großes Brot, 2 hartgekochte Eier, eine Käseecke, einem Apfel, einem Granatapfel, sowie drei Süßigkeiten und bezahle 14 DH, keine 1,30€. Unfassbar, es scheinen nicht viele Touristen hier Stopp zu machen.

Eine unscheinbare Piste links weg ist mein Ziel, sie führt über Tissemoumine nach Oum Jerane, tolles Wüstenfeeling kommt auf, zunächst 20 km durch eine fast plane Serirebene mit Tamarisken und Akazien, schroffe Berge aller Orten. Die Piste ist gut, etwas steinig zeitweilig, aber man kommt voran. Schon rasch nach knapp 20 km ist Tissemoumine erreicht, ein großer Ort und ich grüble vor mich hin, ob hier nicht Teeranschluss besteht und tatsächlich beginnt am Ortende das schwarze Band, im Café noch ein Hawaii gezischt und pflugs bin ich in Oum Jerane, wo ich zuletzt vor 12 Jahren war, dieser Ort ist völlig explodiert.

 Eine richtige Kleinstadt ist aus der armseligen Ansammlung von damals geworden... ich treffe Rachid, dem Mopedfahrer wieder, der mich zu Beginn der Piste überholt hat und er leistet mit Gesellschaft, während ich mein riesiger Berberomelett verzehre und berichtet ein wenig über den Ort und die Umgebung. Nach einer Pause mache ich mich bei sehr warmen Temperaturen auf den Weg nach Sidi Ali und Tafraoute, wo ich 2008 im Regen auf den Lac Maider aufgeben musste. Aber irgendwie gehen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf, als ich die Piste entlang rumpele. War es die Einsamkeit (nochmal 35 km) oder ein Körpergefühl, ein in mich Hineinhorchen, welches mich zum Umdrehen bringt? Nach 6 km halte ich an und überlege hin und her, rechne und kalkuliere, aber es wird mir zu eng, denn von dort sind es nochmals 70 km Piste unklaren Verlaufes, die ich mir vorgenommen hatte. Vielleicht werde ich auch nur alt und ängstlich? Die zweite Traversierung des Atlas ist mit irgendwie wichtiger und ich möchte dort auf den Punkt fit loslegen. Schwierig - ich drehe um, zurück nach Oum Jerane und dort auf der Teerstrasse nach Norden. Lange beschäftigt mich das, aber ich glaube es war gut so. Ich fahre mich in eine Art Trance und lege sage und schreibe weitere 45 km auf diesem völlig unbesiedelten Abschnitt zurück, mit Musik in den Ohren gehts zügig voran, in Ait Saadane gibt es noch eine Dose Pepsi im Café und ich fülle die Wasserreserven auf, nette Gespräche am Rande auf englisch, französisch und spanisch...

Und dann: klar, kein passender Übernachtungsplatz nach stundenlangen menschenleerem Terrain nun überall Häuser und Gärten. So muss ich noch fast bis zur Hauptstraße fahren um in einer kleinen Senke einen freundlichen, nicht ganz sichtgeschützten Platz zu finden. 120 km am Ende - inshallah...

 

3.11.18

Tatsächlich wird es in der Wüste nachts kalt... blöd wenn man aufwacht und mit klammen Fingern erneut flicken muss.

Noch blöder wenn ich erwähne, dass ich gestern Abend schon einmal im Dunkeln dabei war. Wieder hat sich ein mini-Dorn durch die Karkasse gearbeitet. Die ersten 30 km sind eine Qual heute, es geht gegen einen lästigen Wind, leicht bergan nach Alnif. Dort ist der Wind wie weggezaubert und es geht über einen sehr einsame Strecke nach Norden über einen Pass dem Hohen Atlas entgegen. Ich bin von meiner Erkältung und den sehr intensiven letzten Tagen ziemlich angeschlagen und hole das letzte aus mir heraus.

Der raue Asphalt, der wieder umlaufende Wind und die Stollenreifen lasen es einfach nicht zu, mal eben ein paar Kilometer herunter zu reißen. Etwas nervig sind heute die erstmals sehr aggressiv Bonbons und Dirham fordernden Kinder! Kurz vor der kleinen Passhöhe auf gut 1300 m habe ich erneut einen Platten. Ein freundlicher Marokkaner hält an und biete seine Hilfe an. Wir kommen ins Gespräch, er liebt die Wüste und fährt zwei, drei Tage herum. Nach gut 70 km erreiche ich die Hauptstraße, dank des Streiks der LKW-Fahrer wegen der hohen Benzinpreise ist der Verkehr überschaubar.

Die letzten 25 km ziehen sich wie Kaugummi, ich bin froh Tinerhir zu erreichen, die Stadt ist tranquil und sympathisch. Ich checke im Hotel Tombouctou ein, welches Edi für mich reserviert hat, hier war ich im März bereits mit den Kindern. Die heisse Dusche weckt meine Lebensgeister und nachdem mir Edi seinen Hausrohbau etwas außerhalb der Stadt am Beginn der Schlucht gezeigt hat, in wunderschöner Lage, lädt er mich zu einem Zvieri zu sich nach Hause ein und ich genieße köstliches Gebäck seiner Frau Latifa  und andere Leckereien!

Wir verabreden uns am nächsten Tag erneut, ich falle totmüde ins Bett...

 

4.11.18

Ein großartiger Ruhe- und Logistiktag in Tinerhir! Nach dem Frühstücksbuffet bin ich mit Edi verabredet und wir laufen mit seinem Hund eine gute Stunde durch die Palmerie, treffen die Dattelernter und werden beschenkt. Anschließend laufe ich mit seinem Sohn Ajoub durch den Ort und kaufe einen Schlauch, Flicken und werde zum Hammam begleitet, wo ich in zwei Stunden gewaschen, abgerieben, massiert und geölt werde. Danach pflege und warte ich mein Rad, während meine gesamte Schmutzwäsche in der Hotelreinigung auf Hochglanz gebracht wird.

Nach der Mittagspause und einigen Einkäufen treffe ich mich erneut mit Edi und er zeigt mir eine kleine, von der Hauptstraße nach Norden abzweigende Strecke, die nach dem Ende des Asphalts zu einer wunderschönen Piste mutiert, durch idyllische Berberdörfer an einer Schlucht, einem kleinen Stausee und eindrucksvollen Erosionsformationen vorbei, tief im den Atlas zieht.

Wir genießen die Ausblicke und freuen uns wie die kleinen Kinder über den Ausflug, leider ist die Zeit begrenzt und wir müssen aufhören, wo es am schönsten ist. Zurück in Tinerhir laufe ich durch den Ort zum Hotel zurück und organisiere noch neue Batterien fürs GPS. Zum Essen entdecke ich in den Souks ein freundliches Restaurant wo ich am Holzkohlengrill frisches Fleisch vom Metzger nebenan bekomme. Ein netter Plausch mit Edi im Innenhof des Hotels bei einem kühlen Getränk beschließt den Abend. Edi hatte mir während des Ausflugs angeboten, mich morgen nach Bouzmou zu shutteln - eine tolle Idee, ich werde das gerne annehmen und dadurch meine Pläne wahrscheinlich wie gewollt umsetzen können. Inshallah..

 

5.11.18

Ich fühle mich nicht fit und beschließe einen weiteren Ruhetag, den ich zu 80% im Bett verbringe, es ist bis mittags bedeckt und windig, abends habe ich Halbpension bestellt und esse mit Edi im Hotelrestaurant...

 

6.11.18

Es geht wieder weiter. Ich fahre gegen 10:00 h zu Edis Wohnung und lade mit Ajoub mein Rad ins Auto. Edis Angebot, mich ins Hochtal des Asif Melloul zu shutteln ist eine tolle Sache. Wir fahren entspannt mit einigen Fotostopps durch die Todraschlucht über Tamtatouchte und Ait Hani hinauf zum knapp 2700 m hohen Tizi-n-Tiherhouzine und genießen die uns so gefallende Landschaft.

Wie schön auch für mich einmal dieses alles entspannt als Beifahrer vorbeiziehen zu sehen!  In Agoudal trinken und essen wir in der Auberge Ibrahim und bekommen von Abdul interessante Informationen zur aktuellen Situation der Pisten. So behauptet er, dass selbst der Tizi-n-Ouano hinüber ins Dadestal aktuell nicht zu befahren sei. Die Strecke über die legendäre Piste de Cols von Gandini wäre bis Batli mit entsprechendem Fußmarsch möglich, die von mir angepeilte Querung hinüber nach Ahansal/Cathedral sei sehr matschig und teils verschneit und aktuell nicht empfehlenswert. Das passt zu meinen Überlegungen, diese Aktion ein anderes Mal zu verwirklichen. So bringt Edi mich noch bis Bouzmou, wo ich ihm den Einstieg zur Piste zeige und dort verabschieden wir uns. Es waren interessante Tage die wir großteils zusammen verbracht haben.

Die Panoramafahrt durch das Hochtal bis Imilchil ist traumhaft, es ist relativ warm, kaum windig und recht eben, so dass ich den Ort schnell erreiche und noch ein Brot kaufe. Über den Lac Tislit geht es auf den knapp 2400 m hohen Pass vor Imilchil und von dort ab lange bergab. Das tolle milde und flache Herbstlicht zwingt immer wieder zu Fotostopps. Auf einmal ist die gesamte Straße versperrt von einem gewaltigen Felsabbruch! Kein Durchkommen scheint möglich, dahinter arbeiten zahlreiche Baumaschinen und befördern den Schutt talwärts. Ich versuche zunächst mit zwei Taschen den Steinberg zu überwinden, aber es ist rutschig und oben angekommen gestikulieren die Bauarbeiter wild und zwingen mich zur Umkehr.

Vier junge Männer kommen von der anderen Seite und einer hat ein Taxi bei mir stehen. Wir gucken auf die Karte, aber jede Alternative zur Umfahrung ist mindestens 150 km weiter... plötzlich schlägt der Taxifahrer vor, mein Rad zu tragen, ich solle mit den Taschen nachkommen - das lasse ich mir nicht zweimal sagen und 5 min später ist meine gesamte Ausrüstung mit Hilfe weiterer Marokkaner auf der anderen Seite...

Warum kein Hinweis auf der Strecke war, weiß nur Allah. Ich hatte mich schon über den geringen Verkehr gewundert...

nun aber kräftig in die Pedale getreten, die Sonne senkt sich schon deutlich. Entlang mehrerer Flüsse geht es tendenziell sanft bergab, so dass nach langem einmal wieder Strecke machen angesagt ist. So schaffe ich am Nachmittag noch über 60 km und fahre durch die typisch atlasnordseitigen lichten Wälder bis zu einem schönen Biwakplatz. Witzigerw eise kommen nachdem es dunkel ist und ich im Zelt liege mehr Autos vorbei, als ich den ganzen Tag über gesehen habe!

 

7.11.18

Was für eine schreckliche Nacht, ich habe gefroren! Es kühlt zwar nur auf drei Grad ab, aber es ist derart feucht, dass das Wasser ins Zelt tropft... ich breche mit dem ersten Licht der Dämmerung auf, um mich warm zu fahren. Das gelingt kaum, denn es es geht ziemlich bergab und wird noch kälter, erst als langsam die Sonne kommt, geht es mir besser.

Die Strecke heute ist eine der schönsten in Marokko zum Radfahren, die ich kenne. Wenn es nur nicht ständig hoch und runter gehen würde! Nach gut 20 km frühstücke ich ausgiebig im ersten nennenswerten Ort, Brot gibt es in diesem Laden leider keines. Die ganze Straße ist ein Bauernhof auf den nächsten Kilometern. Wasser scheint es im Überfluss zu geben, Tiere aller Arten kreuzen die Strecke und die Felder werden fleißig bewirtschaftet.

Dazu liefert die Natur mit einer wunderbaren Berg- und Flussszenerie den Rest. Die Strecke wechselt heute mehrfach zwischen Flusstälern und jedesmal ist dazwischen ein mörderischer Anstieg eingebaut. Nach ca. 50 Kilometern ist die Sonne bereits so warm, dass ich meine komplette Ausrüstung auspacken und trocknen kann. Nebenbei rauscht der Bach und eine Waschung, die gestern wegen der Kälte ausfallen musste, kann nachgeholt werden.

In einem kleinen Ort bei km 72 treffe ich Said in seinem Laden, der sehr gut Englisch spricht und wir unterhalten uns bei einer marokkanischen Fanta. Er hat einen weiten Horizont und versucht mich zum Übernachten zu überreden, aber es ist mir noch zu früh.

Nach einen weitern Pass auf immer noch 1500 m folgt eine rauschende 500 HM Abfahrt ins Flusstal, um dann wieder 150 HM in den angenehmen größeren Ort Tagleft anzusteigen. Hier entdecke ich einen kleineren Laden, der Tajine anbietet, für 25 DH gibt es diese mit reichlich frischem Brot. Sie schmeckt köstlich und nebenbei lerne ich zwei Lehrer kennen, Majid ist sportlich gekleidet, trägt eine Suunto Ambit Uhr am Handgelenk und macht Trailrunning, sehr ungewöhnlicher Charakter in dieser Umgebung.

Er spricht ebenfalls hervorragend englisch und so tauschen wir uns lange aus und unsere Facebook-Accounts. Und schon wieder gehts bergan, dann hinab ins Flusstal und 400 HM hinauf, die Sonne geht unter und im letzten Licht entdecke ich einen tollen Biwakplatz.

Kaum steht das Zelt und ein letzter Eselreiter passiert mich, der Wind ist noch kräftig und kalt und so gehe ich schnell ins Zelt. Immerhin ist es 5 Grad wärmer als gestern zur selben Zeit.

 

8.11.18

Noch so eine kalte Nacht... aber diesesmal ist nicht alles klitschnass. Meine Hoffnungen auf einen entspannten Fahrtag lösen sich schon an der ersten Steigung auf, ich ziehe schrittweise alles wieder aus, da es in der Sonne bergauf tatsächlich schon irre warm ist.

Ich hatte angenommen, die gut 20 km nach Ouarouizart mal eben wegzurollen, am Ende kurbele ich zwei Stunden durch wundervolle Landschaft, zuletzt mit tollem Blick über den Stausee Bin El Ouidane. Im Ort hat die Patisserie leider geschlossen und mein Umweg war umsonst, dennoch organisiere ich ein leckeres Frühstück, das ich ein paar Steigungen später mit Blick auf den völlig ruhig daliegenden See genieße. In den letzten Tagen haben mich immer wieder überraschende Hundeattacken irritiert, das gab es südlich des Atlas nicht, in der Regel reicht die Handbewegung des Bückens und sie lassen ab.

Bis hinunter in den gleichnamigen Ort am See fällt die Straße, über die Staumauer gehts hinweg in die 700 hm Steigung nach Azilal. Es ist kühl heute, dennoch brennt die Sonne in der Steigung höllisch herab und man ist immer falsch gekleidet. Schon gestern hatte ich überlegt heute nur bis Azilal zu fahren und dort ein Hotel zu nehmen, denn diese kalten Nächte sind nervig und ich konnte mich auch nicht so recht reinigen, wie ich gewollt hätte. So kurbele ich halbwegs entspannt hinauf, der Pass liegt 150 m höher als die Provinzhauptstadt und dementsprechend ist es dorthin fast geschafft.

Ich liebe diese Stadt, völlig untouristisch mit lebhaften Souk und freundlichen Menschen. Ich quartiere mich im Hotel Dades ein, wo ich schon öfter war für 50 DH im geräumigen Dreibettzimmer. Die Patisserie hier suche ich mehrmals auf, es gibt auch verschiedene Smoothies, zudem entdecke ich ein leckeres Restaurant wo es einen Grillteller mit Pommes und Gemüse für 20 DH gibt, der ausgesprochen lecker ist. Ziemlich kaputt vom vielen Essen falle ich ins Bett...

 

9.11.18

Der Tag der Tour d‘honneur...

morgens ist natürlich keiner da, um mir mein Rad aus dem abgeschlossenen Raum zu holen, so kaufe ich erstmal Frühstück ein und komme zurück zum Hotel. Komme dennoch früh los und die Beine sind gut und der Wind leicht im Rücken. So sind schnell 50 km abgespult und eh ich mich versehe ich in Tanant. Der Weg dahin war eher unspektakulär, toll dass man in einen Talkessel hinab fuhr, der voller Wolken hing. Erst 10 km vor Demnate wird die Landschaft wieder spannend. Fast hätte ich mich hinreißen lassen nach Marrakesch durchzufahren, bzw. noch einmal zu zelten, irgendwie war das der erste Tag an dem es anfühlte wie Radfahren, wenn nach einer Stunde mal 20 km gefahren sind, kam nicht so oft vor in diesem Urlaub...

In Demnate komme ich tatsächlich 5 min vor Abfahrt des Busses nach Marrakesch an und für 40 DH, davon 10 fürs Rad, gehts los.

In Marrakesch fahre ich zielstrebig in meine Lieblingsecke der Medina und suche ein Hotel, es wird das Hotel Medina (120/Nacht). Ein kleiner Bummel am Platz, ein bisschen ausruhen und Internetrecherche, zum Abendbrot einmal Couscous und nette Gespräch mit Händlern, ganz entspannt klingt der Abend aus... Wie immer in diesen kleinen Riadhotels braucht es abends ein bisschen, bis der Geräuschpegel abebbt...

 

10.11.18

Ein entspannter Tag in Marrakesch. Zunächst frühstücke ich auf der Dachterrasse und fahre dann mit vollem Gepäck in der Stadt herum, zu Fotoausstellung von Leila Alaoui, die sich sehr lohnt, zum Marjane, zum Fisch-Restaurant um die Koordinaten für Ralf einzuspeichern, später versuche ich Adil, den Freund von Peter zu besuchen, die beiden haben eine Wohnung in der Neustadt, Adil ist aber gerade in Casablanca. Gegen Mittag fahre ich zurück zur Medina und wecke Fatima, die nette Hausdame im Riad, in dem ich meine erste und letzte Nacht verbringen werde.  Da sie schon früh morgens Gäste bewirtet hat, die zum Flughafen wollten, hat sie noch geschlafen. Schnell ist das Rad verpackt und ich mache mich auf zu einigen Erkundungsgängen in den Souks, auch hole ich endlich die von Beatrice in Sabinas Hotel deponierte Kette ab, die Lina im März in Agouti in der Gîte von Beatrice gelassen hatte.

 

11.11.18

Jackie, der Besitzer des Riads fährt mich zum Flughafen, der Karrenschieber ist mit 30 DH sehr zufrieden und ich habe Zeit ohne Ende am Menara Flughafen... Auch vergeht der Rückflug unglaublich schnell und es wird Zeit die nächste Reise zu planen...

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